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Anne Lavanchy: Die Mapuche in Chile
So lautet ein Graffiti, das in der kleinen Stadt von Cañete im Februar 2008 zu lesen war. Es wurde von den gleichen Aktivisten unterschrieben, die regelmässig mehr Rechte und Gerechtigkeit für die Mapuche verlangen. Auch wenn die Gleichsetzung zwischen der Diktatur von Augusto Pinochet und dem heutigen Chile unter der ersten Präsidentin Michelle Bachelet kühn sein mag, möchten doch solche Graffitis darauf aufmerksam machen, dass sich die Lage der Mapuche seit Jahrzehnten kaum verbessert hat. Auch diese Aussage tendiert zur Übertreibung, denn seit 1993 werden die Mapuche rechtlich als Indígenas, Ureinwohner Chiles, anerkannt. Dies hat verschiedene so genannte interkulturelle Projekte ins Leben gerufen, die zum Beispiel die interkulturelle Medizin sowie die Erziehung fördern. Ihr Ziel ist dabei, die Traditionen der Mapuche aufzuwerten. Genau da drückt aber der Schuh. Ein Problem ist, dass sich solche Projekte nur an die Mapuche richten, auch wenn die Diskriminierungen eigentlich die ganze Chilenische Gesellschaft angehen. Zweitens sind solche interkulturellen Projekte nicht für alle Mapuche gedacht, sondern nur für diejenigen, die die von den Behörden aufgestellten Kriterien erfüllen. Das heisst zum Beispiel, dass sie auf dem Land leben müssen, da die Mapuche, wie das Wort selbst sagt, „Leute der Erde“ seien (Mapu: Erde; Che: Leute). Die Gebiete, die traditionell als Mapucheregionen gelten, sind die drei Regionen zwischen dem Fluss Bio Bio und der Insel Chiloé, also geographisch im Zentral- und südlichen Chile liegen. Laut diesen Kriterien wären diejenigen, die in der Stadt leben, „weniger echt“. Nun lebt aber eine Mehrheit der Mapuche in städtischen Umgebungen[1]. Als Grund dafür wird oft der Mangel an Grund und Boden genannt. Tatsächlich leben die Mapuche im Vergleich zu den nicht Mapucheeinwohnern auf recht eingeschränkten Landteilen. Diese Lage resultiert aus den historisch kolonialen Verhältnissen. Zwischen den Jahren 1882 und 1884 wurde eine militärische Kampagne vom jungen Chilenischen Staat gegen die Mapuche initiiert. Ziel war es, die losen, nomadisierten Gruppen in Reducciones, einer Art Reservate, zusammenzuführen, um das ganze südliche Territorium (9,5 Millionen Hektar) für die europäische Kolonisierung zu eröffnen. Infolge dieser Kampagne wurden die Reducciones geschaffen, die weniger als 5,5% vom ursprünglichen Territorium repräsentieren. Das Gedächtnis an diesen Krieg sowie an die Bildung dieser Reservate ist noch lebendig in den heutigen Familien: es sind oft die Grosseltern, die einen Teil der Geschichte miterlebt oder die Erzählungen der eigenen Eltern gehört haben. In dieser Zeit siedelten auch viele in die Cordillera, die Andenkette, unabhängig von staatlichen Grenzen. Viele flohen auch von Argentinien nach Chile, wo zur gleichen Zeit eine ähnliche, wenn auch brutalere Entwicklung von Statten ging: Ziel des argentinischen Generals Roca war nicht Reservate zu schaffen, sondern die Mapuche physisch zu eliminieren. Die staatliche Verantwortung für diese gewalttätigen Ereignisse wird immer noch nicht anerkannt. Laut der offiziellen nationalen Geschichtsfassungen seien die Mapuche freiwillig und gewaltlos in und nach Chile umgesiedelt. Die Verweigerung, die Ereignisse aus einer anderen Perspektive zu betrachten, kann auch als Erklärung dafür herangezogen werden, dass verschiedene Rechte der Mapuche als Volk sowie als Personen mit den Füssen getreten werden. Auch wenn das „Ureinwohnergesetz“ (ley indígena) anscheinend kollektive Rechte auf Erde garantiert, sieht es in der Praxis ganz anders, da anderen Gesetze Vorrang eingeräumt wird. Der Kampf der am See Lleu Lleu lebenden Mapuche illustriert leider diese Tatsache: hier fing vor 4 Jahren ein Unternehmen an, nach Mineralien zu suchen. Nach dem Chilenischen Recht darf jeder nach solchen Lagerstätten suchen und danach eine Konzession verlangen, um sie abzubauen. Es durfte seine Suche auch in Familiensitze der Mapuche ausdehnen: das „Ureinwohnergesetz“, das die Rechte der Mapuche auf ihrer Erde garantiert, wird legal als niedriger gefasst als dasjenige, das die Nutzung der Bodenschätze garantiert. Deshalb fordern verschiedene Mapuchebewegungen eine Revision des Gesetzes, das die Rechte auf solche Ressourcen wie Meer und Bodenschätze garantieren und vor allem eine Art Eigenständigkeit auf den Territorien zugestehen würde, wo sie heute in der Mehrheit leben. Wie ihre Vorgänger lehnt die aktuelle Regierung unter der Präsidentin Bachelet jedoch jegliche Forderungen der Mapuche ab. Dies erklärt die Vermehrung solcher Graffitis, die den Stopp des Abbaus der Mineralien am Lleu Lleu fordern:
©Anne Lavanchy, März 2008
[1]In der Volkszählung von 2002 sind es fast eine Millionen von Chilenen, die sich als Mapuche verstehen und mehr als 60% davon leben in der Hauptstadt Santiago oder in weiteren grossen Städten wie Temuco und Concepción. Laut dieser Volkszählung gibt es ungefähr 15 Millionen Chilenen, und ganz wenige Ureinwohner, die nicht Mapuche sind. Sie stammen von den Osterinseln, aus dem Norden (Aymara, Quechua,…) oder aus dem extremen Süden (Kawashkar).
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